Na! Schon hungrig?

Na! Schon hungrig?
Florentine Bernard
Na schon hungrig?

Will man Frische knacken sehen, braucht es nicht nur beste Zutaten, versierte Stylisten und neueste Technik, sondern auch Geduld – und zwar von der zähsten Sorte. Über zweckentfremdete Wandfarbe und die Kunst des perfekten Timings.

Grillkohlen glühen, warme Luft steigt knisternd auf, fast ist die Hitze durch den Bildschirm zu spüren. Über dem Feuer: ein sich verführerisch wölbender Grillkäse, weder schwitzig, noch trocken, goldgelb wie die Sonne im Zenit. Auf einer Seite hat sich der Gitterrost bereits sachte in den Käse eingebrannt, nicht zu stark, bloß ein zarter Hinweis darauf, dass es gleich so weit ist – noch ein Augenblick, dann folgt wohliger Genuss.

Fünfzehn Anläufe für den perfekten Käse

Nur wenige Sekunden lang dauert diese Aufnahme. Und doch stecken zehn Stunden reine Drehzeit in ihr. Allein 15 Anläufe brauchte es, bis diese erste Einstellung im Kasten war. Bis die perfekte Glut entstanden war, keine kleinen Aschewölkchen mehr aufstiegen und sich auf das Produkt legten – immer und immer wieder. 40 Stück Grillkäse mussten daran glauben, bis alle Szenen im Kasten und das Gegrillte so begehrenswert daherkam, wie es heute über die Fernseher brutzelt. Bis das zwölfköpfige Team um Regisseur Klaus Einwanger sich zufrieden auf die Schultern klopfte und endlich keinen Käse mehr essen musste.

Von Maskenbildnern und Foodstylisten

Das Rosenheimer Produktionshaus KME Studios entwickelt Konzepte für Werbespots unterschiedlichster Art. Schwerpunkt des Studios sind hochwertig produzierte Fotos, Spots und Imagefilme im Outdoor- und Foodbereich, Letzteres unter anderem für PEAKMEDIA  und SPAR. „Die Kunst ist, die passenden Leute für die passenden Projekte zu finden“, sagt der Bewegtbild-Producer Christian Weischer, „es gibt schließlich niemanden, der alles perfekt beherrscht.“ Maskenbildner und Foodstylisten gehören ebenso zum Team wie engagierte Techniker und kreative Cutter. Daneben braucht es noch Materialassistenten, die sich um das Equipment kümmern. Kostenpunkt: 50.000 Euro für die Kamera, 120.000 für die Objektive. Beides wird für einzelne Drehtage von einem Verleih gemietet. Und dann braucht es natürlich noch Setstylisten, die nichts dem Zufall überlassen. Mit welcher Grillgabel soll der Käse gewendet werden? Auf welchem Teller platziert? Wie die Serviette gefaltet? Bis alle Entscheidungen stehen, das Konzept mit dem Kunden in allen Details abgestimmt und die passende Location gefunden ist, vergehen Wochen, manchmal Monate. Während die Agentur für Outdoor- oder Lifestyleaufnahmen schon mal mit Sack und Pack nach Kanada fliegt, werden Foodaufnahmen meist im hauseigenen Küchenstudio produziert. Zwei davon hat das Team in ihrem Firmensitz in der alten Brauerei in Rosenheim eingerichtet. Neben einem großen, voll ausgestatteten Studio ist eine kleine, mobile Küche im Einsatz. „Wir drehen viel draußen, auch wenn das vom Licht her mehr Aufwand bedeutet.“

Wandert man über das große Gelände, weiß man warum: Hinter jeder Ecke findet sich eine andere kleine Welt, ein neues Setup. Es gibt Holzwände und rustikale Mauern, alte und neue Fenster, ehrwürdige Dielen, die bei jedem Schritt knarren und saftigen Rasen, auf dem man sofort eine Picknickdecke ausbreiten will.

Dann muss es schnell gehen
Jeder Griff sitzen

„Essen ist hochemotional“, sagt Weischer, „weil das Verlangen darauf auf einer ganz basalen Ebene funktioniert.“ Und zwar bei jedem Menschen – jeden Alters, jeder Kultur, auf der ganzen Welt. Wie bei allen Werbefilmen, so Weischer, müsse man sich aber auch bei Foodshots immer die Frage stellen: Was will ich erreichen? „Im Fall Grillkäse wollen wir unterbewusst Lust an der Nahrungsaufnahme auslösen.“ Man müsse aber gut aufpassen, „dass man nicht übertreibt, sondern die richtige Balance findet.“ Ein überästhetisierter Laib Käse schaut vielleicht toll aus – essen will man ihn aber nur bedingt. Ein blasses Stück Gouda im Faltblatt eines Discounters wiederum sieht womöglich sehr authentisch aus. Wirklich Appetit darauf kriegt man aber nicht.

Hinzu kommt ein Schwierigkeitsfaktor: Um Produkte und ihre Frische in Szene zu setzen, braucht es erstmal eines: frische Produkte. Dafür geht der Foodstylist oft schon früh auf Bauernmärkte oder in Feinkostläden und nimmt nur mit, was makellos ist. Eine Rebe Tomaten, jede Frucht prall und glänzend. Ein Kopf Eichblattsalat, jedes einzelne Blatt perfekt gezackt. Wenn es dann an die Aufnahme geht, muss alles ganz schnell gehen und jeder Griff sitzen. Am Beispiel Grillkäse ahnt man: Das klappt nicht immer. „Was viele nicht wissen, ist, dass man für Aufnahmen in Zeitlupe – bei Foodshots ja sehr gängig – die Eigenschaft des jeweiligen Nahrungsmittels mitdenken muss.“ Eine Verdoppelung der Zeit bedeutet etwa, dass man mit doppelt so viel Licht arbeiten muss wie normal. Vor der Kamera wird es deshalb schon mal ordentlich heiß, was einem ein Blatt Lollo Rosso durchaus übel nimmt.

„Wenn man zum Beispiel eine Aufnahme eines Salatblattes hat, das frisch aus dem Wasser gezogen wird und auf einen Teller fällt“, erklärt Weischer, „dann muss man die Frische regelrecht sehen.“ Die Spannung des Blattes, wie es vom Teller abfedert und Wassertropfen davonspringen. Nur dann kommt beim Zuschauer an: Dieser Salat ist wirklich knackfrisch! „Künstlich beeinflussen lässt sich das nicht,“ sagt Weischer. Anders als weitläufig angenommen, wird bei Foodshots so gut wie nicht getrickst. Glyzerin, Rauch oder Lebensmittelfarbe kommen bei KME nur sehr selten zum Einsatz. Ein dampfendes Gericht wird tatsächlich frisch zubereitet und noch heiß fotografiert. „Wenn es auf den Teller kommt, hat man ein, zwei Minuten Zeit“, sagt Weischer. Hat man nicht geschafft, den Moment einzufangen, heißt das: alles nochmal von vorne. Eine Ausnahme vom Frischediktat, räumt Weischer ein, gäbe es aber doch: Joghurt, durch das ein Löffel fährt, ist nicht wirklich Joghurt, sondern weiße Wandfarbe. „Wir haben uns so an das Bild eines gewissen cremigen Sahnejoghurts gewöhnt, dass alles andere unglaubwürdig aussieht“, sagt Weischer. Echtes Joghurt, da müsse man nur mal beim nächsten Frühstück drauf achten, würde sich ganz anders verhalten wie die träge Wandfarbe in der Werbung.

 

Ein Artikel aus unserem Digital Signage Magazin. Hier geht’s zur >> Onlineversion.